
Beim Thema Cholesterin denken viele an zwei Werte: LDL gilt als „schlecht“, HDL als „gut“. Ist das Verhältnis zwischen beiden günstig, scheint alles in Ordnung zu sein.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Um das Risiko für Herz und Gefäße besser einzuschätzen, können weitere Blutwerte helfen. Besonders interessant sind ApoB und Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Was sich hinter diesen Namen verbirgt, lässt sich auch ohne medizinisches Vorwissen verstehen.
Warum schauen wir überhaupt auf Cholesterin?
Cholesterin ist kein Gift. Unser Körper braucht es zum Beispiel für den Aufbau seiner Zellen und die Herstellung bestimmter Hormone.
Problematisch kann es werden, wenn sich über viele Jahre Cholesterin in den Wänden unserer Blutgefäße ablagert. Die Gefäße können dadurch enger werden. Reißen solche Ablagerungen auf, kann ein Blutgerinnsel entstehen und einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen.
Blutfettwerte helfen dabei, dieses Risiko einzuschätzen – möglichst bevor Beschwerden auftreten. [4,5]
LDL: Ein wichtiger Wert mit einer Grenze
Cholesterin wird im Blut in winzigen „Transportpaketen“ befördert. Eine Sorte dieser Pakete heißt LDL.
Der LDL-Wert zeigt, wie viel Cholesterin in den LDL-Paketen steckt. Was er nicht direkt zeigt: Wie viele Pakete unterwegs sind.
Warum ist das interessant? Weil zwei Menschen denselben LDL-Wert haben können, obwohl bei einem deutlich mehr dieser Pakete im Blut zirkulieren. Diese können in die Gefäßwand gelangen und dort zu Ablagerungen beitragen. [1,2]
ApoB: Wie viele Transportpakete sind unterwegs?
Hier kommt ApoB ins Spiel. ApoB ist ein Eiweiß, das auf der Oberfläche verschiedener Transportpakete sitzt, die an Gefäßablagerungen beteiligt sein können. Jedes dieser Pakete trägt jeweils ein solches Eiweiß. Die ApoB-Messung gibt deshalb Auskunft darüber, wie viele dieser Pakete insgesamt im Blut vorhanden sind. [1]
Stellen Sie sich zwei Straßen vor: Auf beiden wird dieselbe Menge an Waren transportiert. Auf der einen fahren wenige, voll beladene Fahrzeuge. Auf der anderen sind viele Fahrzeuge mit weniger Ladung unterwegs.
Ähnlich ist es bei den Blutfetten: Die Cholesterinmenge kann gleich sein, die Zahl der Transportpakete aber unterschiedlich.
LDL beschreibt die Cholesterinmenge in einer wichtigen Gruppe von Paketen. ApoB hilft, die Anzahl der Pakete zu beurteilen, die für Gefäßablagerungen eine Rolle spielen.
Wann ist ApoB besonders hilfreich?
ApoB kann zusätzliche Informationen liefern, wenn der übliche Cholesterinbefund das Risiko möglicherweise unterschätzt. Das betrifft beispielsweise Menschen mit Typ-2-Diabetes oder erhöhten Triglyzeriden, einer weiteren Art von Blutfetten. Auch während einer Behandlung zur Cholesterinsenkung kann die Messung sinnvoll sein. [1,4]
Eine große Studie mit rund 294.000 Menschen zeigte: Wenn ApoB und die üblichen Cholesterinwerte unterschiedliche Hinweise auf das Risiko gaben, passte ApoB besser zu den später beobachteten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Studie beobachtete Menschen über viele Jahre; sie prüfte nicht, welche Behandlung am besten wirkt. [2]
Das bedeutet nicht, dass LDL unwichtig wird. ApoB kann den Blick auf das Risiko ergänzen und genauer machen.
Schützt ein hohes HDL vor einem hohen LDL?
HDL wird häufig als „gutes Cholesterin“ bezeichnet. Es ist an der Rückführung von Cholesterin beteiligt. Ein hoher HDL-Wert im Labor bedeutet aber nicht automatisch, dass dieser Vorgang besonders gut funktioniert oder dass man vor einem Herzinfarkt geschützt ist. [3]
Ein hohes HDL kann daher ein erhöhtes LDL oder ApoB nicht einfach ausgleichen.
Auch ein günstiger LDL/HDL-Quotient – also das Verhältnis beider Werte – kann täuschen. Ist HDL sehr hoch, sieht das Verhältnis möglicherweise gut aus, obwohl gleichzeitig zu viele gefäßbelastende Transportpakete vorhanden sind.
Ein guter Quotient allein ist deshalb kein ausreichender Grund zur Entwarnung.
Lp(a): Ein Risiko, das in der Familie liegen kann
Ein weiterer wichtiger Wert heißt Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Dabei handelt es sich um ein besonderes Transportpaket, das einem LDL-Paket ähnelt.
Wie viel Lp(a) jemand im Blut hat, ist überwiegend erblich bedingt. Ein erhöhter Wert kann das Risiko für Herzinfarkt und andere Gefäßerkrankungen erhöhen – auch wenn LDL und HDL unauffällig aussehen. Außerdem besteht ein Zusammenhang mit der Verkalkung einer Herzklappe, der Aortenklappe. [5]
Das erklärt mit, warum auch Menschen mit gesunder Lebensweise ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko haben können.
Wer sollte Lp(a) bestimmen lassen?
Fachgesellschaften empfehlen, Lp(a) mindestens einmal im Erwachsenenalter zu messen. Besonders wichtig ist das, wenn nahe Angehörige schon in jüngeren Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten oder in der Familie ein hoher Lp(a)-Wert bekannt ist. [4,5]
Da der Wert meist relativ stabil bleibt, ist normalerweise keine häufige Kontrolle nötig. Welcher Messwert als erhöht einzuordnen ist, hängt auch von der angegebenen Einheit ab. Das Ergebnis sollte deshalb im Zusammenhang mit dem übrigen Befund besprochen werden.
Was bringt die Messung, wenn Lp(a) erblich ist?
Ernährung und Bewegung verändern Lp(a) meist nur wenig. Trotzdem lässt sich etwas tun: Wer das zusätzliche Risiko kennt, kann andere beeinflussbare Faktoren wie LDL-Cholesterin, Blutdruck oder Rauchen gezielt angehen. [4,5]
Ein hoher Lp(a)-Wert bedeutet nicht, dass ein Herzinfarkt unvermeidlich ist. Er ist ein Hinweis, die persönliche Vorsorge besonders ernst zu nehmen.
ApoB und Lp(a) beantworten dabei verschiedene Fragen. Ein günstiger ApoB-Wert ersetzt deshalb die einmalige Lp(a)-Messung nicht.
Und was ist mit Triglyzeriden?
Triglyzeride sind eine weitere Form von Fett im Blut und gehören zum üblichen Laborbefund. Erhöhte Werte können beispielsweise mit dem Zuckerstoffwechsel, Alkoholkonsum, der Ernährung oder erblichen Faktoren zusammenhängen. Sehr hohe Werte können außerdem die Bauchspeicheldrüse gefährden. [4]
Auch der sogenannte Non-HDL-Wert ist hilfreich. Er wird aus Gesamtcholesterin minus HDL berechnet und erfasst die Cholesterinmenge in allen Transportpaketen, die zu Gefäßablagerungen beitragen können. Dafür ist keine zusätzliche Blutabnahme nötig. ApoB liefert ergänzend Informationen über deren Anzahl. [1]
Lp-PLA₂: Muss dieser Wert auch gemessen werden?
Gelegentlich wird zusätzlich Lp-PLA₂ angeboten. Hinter dem komplizierten Namen steckt ein Eiweiß mit Enzymfunktion, das im Zusammenhang mit Entzündungsvorgängen in den Gefäßen untersucht wird.
Studien zeigen zwar: Höhere Werte können mit einem erhöhten Gefäßrisiko einhergehen. Ob die zusätzliche Messung im Alltag tatsächlich zu besseren Behandlungsentscheidungen führt, ist jedoch deutlich weniger gut belegt. [7]
Auch große Studien mit einem Medikament, das dieses Enzym hemmt, konnten bei ihren wichtigsten untersuchten Ergebnissen keinen überzeugenden Schutz vor Herz-Kreislauf-Ereignissen nachweisen. Das beantwortet zwar nicht direkt die Frage nach dem Nutzen des Bluttests, spricht aber gegen überzogene Erwartungen. [8,9]
Lp-PLA₂ gehört deshalb nicht zu den routinemäßig notwendigen Werten. Eine Messung sollte eine konkrete medizinische Frage beantworten. Der Wert allein zeigt nicht zuverlässig, ob ein bestimmtes Gefäß verengt oder eine Ablagerung gefährlich ist.
Welche Werte sind für mich sinnvoll?
Die wichtigsten Unterschiede lassen sich so zusammenfassen:
LDL – Wie viel Cholesterin wird in LDL-Paketen transportiert?
HDL – liefert ergänzende Informationen, garantiert aber keinen Schutz
Triglyzeride – Gibt es Auffälligkeiten bei einer weiteren wichtigen Art von Blutfetten?
NON-HDL – Wieviel Cholesterin steckt insgesamt in den Paketen, die zu Ablagerungen führen können?
ApoB – Wie viele dieser Transportproteine sind Unterwegs?
Lp(a) – Besteht ein zusätzliches, erbliches Risiko?
Lp-PLA2 – Spezieller Zusatzwert
Welche Werte im Einzelfall gebraucht werden und wie niedrig sie sein sollten, hängt von der persönlichen Situation ab. Dazu gehören beispielsweise Blutdruck, Diabetes, Rauchen, Erkrankungen in der Familie und bereits bestehende Herz- oder Gefäßerkrankungen.
Für eine gute Vorsorge lohnt es sich, mehr als nur LDL und HDL anzuschauen. ApoB kann helfen, die Belastung durch Fetttransportpakete besser einzuschätzen. Lp(a) kann ein bisher unbekanntes erbliches Risiko sichtbar machen. Entscheidend ist, aus den Ergebnissen passende Schritte für die eigene Gesundheit abzuleiten.
Wissenschaftliche Quellen
1. Soffer DE et al. (2024). Role of apolipoprotein B in the clinical management of cardiovascular risk in adults: An Expert Clinical Consensus from the National Lipid Association. Journal of Clinical Lipidology. PubMed. Expertenkonsens zur Einordnung und klinischen Nutzung von ApoB.
2. Sniderman AD et al. (2024). Discordance among apoB, non–high-density lipoprotein cholesterol, and triglycerides: implications for cardiovascular prevention. European Heart Journal, 45:2410–2418. doi:10.1093/eurheartj/ehae258. Große prospektive Kohortenanalyse; keine randomisierte Therapiestudie.
3. Voight BF et al. (2012). Plasma HDL cholesterol and risk of myocardial infarction: a mendelian randomisation study. The Lancet, 380:572–580. doi:10.1016/S0140-6736(12)60312-2. Genetische Untersuchung zur Frage, ob höheres HDL selbst vor Herzinfarkten schützt.
4. ACC/AHA und beteiligte Fachgesellschaften (2026). Guideline on the Management of Dyslipidemia. Offizielle Zusammenfassung mit Link zur Leitlinie.
5. Kronenberg F et al. (2022). Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis: a European Atherosclerosis Society consensus statement. European Heart Journal, 43:3925–3946. Volltext.
6. ESC/EAS (2025). Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. Empfehlungen der EAS.
7. Lp-PLA₂ Studies Collaboration (2010). Lipoprotein-associated phospholipase A₂ and risk of coronary disease, stroke, and mortality: collaborative analysis of 32 prospective studies. The Lancet, 375:1536–1544. doi:10.1016/S0140-6736(10)60319-4.
8. STABILITY Investigators (2014). Darapladib for preventing ischemic events in stable coronary heart disease. New England Journal of Medicine, 370:1702–1711. doi:10.1056/NEJMoa1315878.
9. O’Donoghue ML et al. (2014). Effect of darapladib on major coronary events after an acute coronary syndrome: the SOLID-TIMI 52 randomized clinical trial. JAMA, 312:1006–1015. doi:10.1001/jama.2014.11061.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.